Ist der Direktweg von Content zum Kauf ein Erfolgsmodell? Twitter testet Shopfunktion



Monetates zweiter eCommerce Quarterly 2014 (EQ2) kündigte den baldigen Durchbruch des mobilen Marktes an. Der Entwickler von Webanalyse-Software begründete diese Einschätzung unter anderem mit der breiten Front von Technologieanbietern, die mittlerweile erfolgreich an Innovationen zur Markterschliessung arbeiteten.

Neben Apple und Amazon hat offensichtlich auch Twitter den mobilen Markt auf seiner Agenda. Seit September läuft an Twitterkonten ausgewählter Partner eine Testphase für ein integriertes Shopsystem. Der Test läuft zunächst auf den Twitter Apps.

„Dies ist ein erster Schritt von uns zum Einbau von Funktionen in Twitter, um den Einkauf von mobilen Geräten bequem und einfach, hoffentlich sogar spassbringend zu machen“, schreibt Produktmanager Tarun Jain im Twitter-Blog. Die Idee hinter der Funktion entspricht auf der einen Seite der Idee des Content-Marketings, auf der anderen Seite könnte der Bogen auch überspannt werden.

Soziale Plattformen im Wandel

Insgesamt sind soziale Netzwerke noch keine fruchtbare Anlaufstelle für Direktverkäufe. Sie werden vor allem als soziale Plattform zum Austausch wahrgenommen und nicht als Kaufportal. Allerdings kann sich dieses Image und die damit verbundene Erwartungshaltung mit der Zeit auch ändern. Beispiele dafür gibt es genug: Facebookseiten werden mittlerweile als Anlaufstellen für Wirtschaftsunternehmen gesehen, was für eine ehemals reine Jugend- und Studentenplattform einen bedeutender Wandel darstellt. Auch Youtube, das vor nur wenigen Jahren vermutlich als grösste internationale Sammlung von Heimvideos noch treffend beschrieben worden wäre, beheimatet nun zahlreiche Kanäle von grossen Wirtschaftsunternehmen mit Produktvideos und Tutorials. Das Portal bietet viel Potential für die Unternehmenskommunikation und wird von Nutzern sogar als Suchmaschine für alle Arten von Informationen genutzt. Es ist schon etwas ironisch, aber vermutlich ist Youtube auch der grösste Host von Videos über erfolgreiches Videomarketing auf Youtube.

Mit dem Shop-System beginnt Twitter aktiv den Imagewechsel der Plattform und leistet einen Beitrag zur engeren Verknüpfung von Content und Abverkauf. „Die Verkäufer gewinnen eine neue Methode, um die aufgebaute, direkte Beziehung zu den Followern in Verkaufserfolge umzumünzen“, schreibt Jain im Twitter-Blog.

Generell ist das Bewerben von Produkten über Twitter an sich nichts Neues. In den mobilen Twitter-Accounts der Betatester (z.B. Ryan Adams) findet sich nun aber neben den Produktfotos ein „Kaufen“-Button. Nach dem Klick müssen nur beim ersten Mal die Kontodaten und Lieferadresse hinterlegt werden, für die Zukunft werden die Daten verschlüsselt gespeichert.


Werden Tweet-Historien bald zu Onlineshop-Schaufenstern? (Bild: © Cybrain - Fotolia.com)

Werden Tweet-Historien bald zu Onlineshop-Schaufenstern? (Bild: © Cybrain – Fotolia.com)


Engere Verknüpfung von Content und Verkauf

Damit reagiert Twitter vermutlich auch auf den Trend, dass Personen, nachdem sie Follower einer Marke wurden, dort auch wahrscheinlicher einkauften. Mit der neuen Kaufoption kann eine Marke dieses Kaufpotential abschöpfen, indem sie an ihre Follower Produktbilder und -informationen verschickt, bei denen ein einfacher Weg zur Bestellung gleich mitgeliefert wird. Wer kaufen möchte, kann es ganz leicht auch tun.

Der so etablierte Verkaufskanal erhält ein Alleinstellungsmerkmal durch Exklusivität: „Nutzer erhalten Angebote und ein Produktsortiment, das sie nirgendwo sonst bekommen und können gleich in der iOS und Android App damit interagieren“, beschreibt Jain die Perspektive für die Follower.

Diese Verbindung zwischen Content und Verkauf entspricht zwar dem Herzen des Content-Marketings und kann aufgrund der erhöhten Kaufbereitschaft bei Followern auch als fördernder Beitrag angesehen werden. Allerdings steht im Content-Marketing auch der Nutzen für die Zielgruppe im Vordergrund, um sie überhaupt erst zu Followern zu machen. Wer einen Content-Kanal so offen zu Verkaufszwecken nutzt, stellt die eigene Verkaufsabsicht vielleicht zu deutlich zur Schau. Die Content-Kanäle sollen ja gerade von Verkaufsbotschaften frei gehalten werden, um die Interessen der Zielgruppen in den Fokus zu rücken und durch gute Inhalte zu überzeugen. Erst nach einer längeren vertrauensbildenden Phase sind die meisten Interessenten erst zum Kauf bereit und finden den Weg zur Website und zum Kaufabschluss dann auch weitestgehend von selbst. Für die Neukundengewinnung könnte man sich damit auch den Ast absägen, auf dem man sitzt.

Ausblick

Es ist sicherlich nicht zu erwarten, dass durch diese Innovation der mobile Commerce für die teilnehmenden Unternehmen sofort massiv gesteigert wird, auch wenn Twitter natürlich eine enorme Reichweite aufweist. Twitter ist nach wie vor eine soziale Plattform und entsprechend werden die meisten Nutzer auch eine soziale Absicht bei ihrem Besuch verfolgen, sodass keine „Kauflaune“ besteht, die mit der neuen, einfachen Kaufoption gestillt werden müsste. Noch nicht. Interessant werden aber die Auswirkungen des so angestossenen Imagewechsels der Plattform sein. Wenn sich die Ansicht verankern lässt, dass eine unaufdringliche Kaufoptionen zu Twitter „auch irgendwie dazugehört“ und schleichend angenommen wird, kann dies die Kaufgewohnheiten grossflächig und durchaus spürbar in Richtung mobile verlagern.

Um Twitter als Kanal für Content-Marketing in seiner ursprünglichen Form (Gewinnung von Neukunden in einem langfristigen vertrauensbildenden Prozess) zu nutzen, sollte man aber sparsam mit Kaufaufforderungen sein.

 

Quellen: Twitter-Blog

Oberstes Bild: © DOC RABE Media – Fotolia.com

Über Markus Haller

Diplomphysiker im technischen Vertrieb mit Leidenschaft für's Schreiben.
Die Themen dürfen ruhig weit gesteckt sein: Von Archäologie und Kulturanalyse über Naturwissenschaft und Technik hin zum eCommerce und Content-Marketing.

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