Haben Webseiten bald ausgedient?



Ein Kenner der Szene spielt interessante Zukunftsmusik der Verlagswelt und gibt dabei gleichzeitig auch anderen Content-Anbietern Stoff zum Nachdenken. Auch wenn die These sehr gewagt ist, regt sie zum Beobachten und Hinterfragen der aktuellen Entwicklungen an.

Warum die Webseiten vor allem für Verlage ausgedient haben sollen, erklären wir in diesem Artikel und entwerfen zum Schluss ein alternatives Szenario.

„Verlage, stampft eure Websites ein!“ So titelte Johnny Haeusler vor Kurzem in der deutschen Ausgabe des Technologie-Magazins Wired im Zuge der Beitragserie „Digital ist besser“. Auch wenn in der Überschrift die Verlage angesprochen werden, bezieht der Blogger, Mediendesigner und Gründer des Online-Verlags Spreeblick seine weiteren Ausführungen auch generell auf Content-Anbieter – wenn sicherlich nur in wenigen Fällen.

Konsumenten wollen vom Inhalt gefunden werden

Haeusler zufolge sei es eine Tatsache, dass die Inhalte aktiv zu den Menschen transportiert werden müssten: „… die Zeiten, in denen Menschen dorthin gehen, wo die News sind, sind längst vorbei. Weshalb die Nachrichten dorthin gehen müssen, wo die Menschen sind.“ Und diese Orten seien vor allem die sozialen Plattformen Facebook, Twitter, WhatsApp usw. Ihnen allein werde die volle Aufmerksamkeit der Verlage gelten – und damit sicherlich auch der Corporate-Publisher sowie generell der Content-Anbieter.

„Für die Anbieter von Inhalten ist der virtuelle Ort, an dem sich Menschen treffen, um sich miteinander auszutauschen, der einzige noch relevante Ort“, bringt Haeusler seine Ansicht auf den Punkt. In diesem Fall lautet die logische Folgefrage für Content-Anbieter, weshalb man die Kosten und Mühen zur Erstellung, Pflege und regelmässiger Überarbeitung der eigenen Webseiten dann noch auf sich nehmen sollte. Anders gefragt: Warum Inhalte aufwendig selbst lagern, wenn Sie doch in der Regel nur „auswärts“ konsumiert werden?

Traffic fast nur über soziale Medien – wer braucht da noch eine Webseite?

„Schon 75 Prozent der Besucher von buzzfeed.com kommen direkt aus sozialen Netzwerken. Denn dort werden die Inhalte der Website verbreitet – entweder von Buzzfeed selbst oder von den Lesern“, gibt Haeusler zu bedenken. Und bei so einem Kreislauf brauche man gar keine Webseite mehr.

Aktuell suchten, so der Blogger weiter, die sozialen Plattformen nach Wegen, wie sowohl die Plattformen selbst, als auch die Content-Anbieter in einer sinnvollen Symbiose Geld verdienen könnten. Teilweise seien hier schon Antworten gefunden und so könne es sein, dass die grossen sozialen Plattformen bald die neuen Nachrichtenkanäle darstellten. Und die könnten dann, so Haeusler weiter, genau so wie die alten agieren und in naher Zukunft professionelle Content-Lieferanten bezahlen, „um die eigene Attraktivität zu steigern und hohe Werbeumsätze zu generieren.“


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Digitale Community-Bildung als alternative zum Umzug auf eine Fremd-Plattform (Bild: © nmedia-shutterstock.com)


Zu radikal, um Wirklichkeit zu werden?

So weit das Modell nach Johnny Haeusler. Die Vorstellung, dass Verlage ihre Webseiten vollständig aufgeben, ist vielleicht doch etwas zu radikal. Darüber hinaus hätte die dazu nötige Entwicklung der Informationsverbreitung auch Einfluss auf die Corporate-Publisher und generell alle Content-Anbieter, was auch hier zu einem Einbruch der Webseiten führen sollte. Und ist die generelle und vollständige Verlagerung von Content auf einige wenige Riesen-Plattformen wirklich denkbar?

Zugegeben, es hat schon andere, eigentlich unvorstellbare Entwicklungen gegeben. Das beinahe vollständige Aufgehen der Musik-Industrie in iTunes ist so ein Beispiel. Neben iTunes erfreuen sich nur noch gratis Angebote einer grossen Beliebtheit – wer hätte das vor 15 oder 20 Jahren gedacht?

Verlust von Bewegungsfreiheit und Identität

Auf der anderen Seite sind auch andere Szenarien denkbar. Warum sollten z.B. Verlage ihre teuer aufgebaute Umgebung aufgeben, wenn doch zahlreiche Arbeitsprozesse darauf abgestimmt sind? Sie müssten sich in den Gestaltungsmöglichkeiten an die technischen Gegebenheiten der sozialen Plattformen anpassen und würden viele Freiheiten verlieren, die sie eben nicht mehr an einem anderen Ort (der eigenen Webseite) verwirklichen könnten. Auch ist das Ausspielen von manchen Content-Formaten auf sozialen Plattformen schwierig bzw. gar nicht vom Betreiber gewünscht. Längere Fachtexte auf Facebook zu veröffentlichen ist wahrscheinlich keine effektive Content-Distribution und auf Twitter gar nicht möglich. So lange dies der Fall ist, lautet hier die Formel: Gesehen wird zwar auf der sozialen Plattform, konsumiert aber auf der Webseite des Content-Anbieters.

Letztlich stellt der gesamte Umzug der Online-Präsenz unter ein fremdes Dach auch das Begeben in eine gewisse Abhängigkeit dar und wird Einbussen in der Markenwahrnehmung verursachen. Die Webseite mit ihrem Informationsangebot und Firmendesign stellt immer noch das zentrale Aushängeschild für die Firmenidentität dar. Und Markenbildung, also das Herausstechen des Firmenprofils aus der Menge, ist für jedes Unternehmen gerade in der Online-Welt ein hohes Gut.

Entwicklung ins Gegenteil?

Es könnte darum auch eine Entwicklung ins Gegenteil geben. Mehr eigene Identität und höhere Kundenbindung durch den Aufbau einer eigenen Community. Dafür eignet sich am besten ein Login-Bereich auf der eigenen Webseite oder dem eigenen Online-Portal. Das Ziel dabei wäre, die Nutzer z.B. mit einem Link im Newsletter direkt zur eigenen Seite zu führen. Die soziale Plattform würde dabei eher als „Einmal-Trichter“ angesehen, der zum Aufbau der Kundenbeziehung so lange nützlich ist, bis der Nutzer seinen eigenen Account beim Content-Anbieter erstellt hat. Danach soll die Interaktion direkt erfolgen und nicht mehr über den Umweg soziale Plattform.

Auch wenn Johnny Haueslers These vielleicht zu radikal ist, um Wirklichkeit zu werden, lohnt sich das Nachdenken über ein solches Szenario. Für StartUps oder kleinere Ableger von Firmen könnte der Social-Media-Only Ansatz durchaus interessant sein und vielleicht kommt so doch ein Stein ins Rollen…

 

Oberstes Bild: © Seyyahil – Shutterstock.com

Über Markus Haller

Diplomphysiker im technischen Vertrieb mit Leidenschaft für's Schreiben.
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